Identität und Menschenbild heute – Modelle und Kriterien
Das Thema dieses Vortrages ist «Identität und Menschenbild heute –
Modelle und Kriterien». Der Kontext dieser Tage hier in Bor (Haid) bedeutet,
dass die Identität, über die nachgedacht wird, offenbar in Beziehung zur
europäischen Identität verstanden werden muss, zu unserer Identität als
Europäer. Um zur europäischen Identität etwas Hilfreiches sagen zu können,
bräuchte man eine beträchtliche interdisziplinäre Kenntnis. Denn hier sind
ganz offensichtlich geschichtliche, soziologische und politische Fragen
angesprochen, um nur drei wesentliche Felder zu benennen. Die Aufgabe ist
tatsächlich furchteinflößend. Und, da ich weder Historiker noch Soziologe
oder Politikwissenschaftler bin, bin ich mir der Herausforderungen bewusst,
etwas Nützliches zu sagen. Ich bin besonders dankbar dafür, dass einige
Vorredner diese europäische Dimension schon ausdrücklich erwähnt haben –
Professor Dumont über “Die Wurzeln der europäischen Identität”, und Dr
Zurflux über “Wo sind die Werte für eine gemeinsame Zukunft Europas zu
Suchen?” Daher ist es für mich beruhigend zu sehen, dass das Scherflein, das
ich beizusteuern habe, einen Beitrag zu etwas leisten kann, das größer ist als
das Scherflein selbst – ganz so, wie jeder einzelne europäische Staat nur
etwas Begrenztes leisten kann, das dennoch ein Beitrag zu etwas sein kann, das
größer ist, als er selbst, nämlich Europa.
Das, was ich hier vorstellen will, entstammt großteils den Bereichen von
Psychologie und philosophischer Anthropologie. Zunächst möchte ich die
Struktur meines Vortrages vorstellen.
Als ich über die Frage nachdachte „Was macht uns zu Europäern?“, war
ich davon beeindruckt, wie schwer es ist, eine einfache Antwort darauf zu
finden. Unsere europäische
Identität ist ja tatsächlich komplex. Wir wissen, dass wir Europäer sind,
aber Sokrates hätte großen Spaß daran gehabt, die Frage zu stellen: „Was
ist es, das euch zu Europäern macht?“
Auf den ersten Blick ist die große Verschiedenheit, die Europa
auszeichnet, sehr beeindruckend. Obwohl Europa auf der Weltkarte nur einen
relativ kleinen Platz einnimmt zwischen Skandinavien im Norden und Sizilien und
Malta im Süden, zwischen Irland und Portugal im Westen und dem Schwarzen Meer
im Osten – die genauen Grenzen sind nicht immer leicht zu definieren –
findet man einen bemerkenswerten Grad an Unterschieden. Das sind nicht nur die
Unterschiede an Ländern und Sprachen, sonder auch die verschiedenen kulturellen
und religiös-konfessionellen Traditionen. Jedoch ist Europa insgesamt
wahrscheinlich nicht komplexer als Indien. Und so, wie es für jemand sinnvoll
sein kann zu sagen „Ich bin Inder“, so kann es für uns sinnvoll sein zu
sagen „Ich bin Europäer“.
Dieses Empfinden, ein Europäer zu sein, kann als eines der Elemente
unserer persönlichen Identität angesehen werden. Daher schlage ich
vor damit zu beginnen, näher darauf zu schauen, wie ein Individuum im
allgemeinen eine persönliche Identität entwickelt. Ich werde dies tun in der
Hoffnung, etwas Licht auf die Frage nach unserer europäischen Identität zu
werfen. Nach diesem Hauptteil werde zwei kurze Gedankenspiele folgen. Das erste
über das Identitätsgefühl, das die Gründungsväter des vereinten Europa von
heute ausgezeichnet haben muss, und ein zweites Gedankenspiel über die jüngste
Erfahrung mit dem irischen Referendum über den Vertrag von Lissabon aus der
Sicht der Identitätsfrage.
Das Auftreten eines persönlichen
Identitätsbewusstseins
Jenseits der metaphysischen Bedeutung von „Identität” – d. h. die
Frage danach, was jeden von uns einmalig und unwiederholbar macht – gibt es
auch die „persönliche Identität“, d. h. das Bewusstsein, das eine Person
davon hat, wer er oder sie ist. Diese Identität ist mehr als der Name, den man
trägt, sie schließt ein Bewusstsein von der eigenen Vergangenheit, von den
eigenen derzeitigen Möglichkeiten und Überzeugungen und von den Bestrebungen
für die Zukunft ein. Identitätsbewusstsein zu haben, ist etwas, was man
erwerben muss, nicht etwas, womit man geboren wird. Viel ist darüber
geschrieben worden, wie man eine persönliche Identität erwirbt, über die
Faktoren, die zu einer erfolgreichen Entwicklung der persönlichen Identität
beitragen, über die Schwierigkeiten, die in dieser Entwicklung auftreten
können, und über die möglichen Fehlentwicklungen, die aus einem unvollendeten
oder sogar fehlgeleiteten Prozess resultieren können.
Identität als das persönliche Bewusstsein davon, wer man ist, trat in den
Schriften von Erik Erikson in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
hervor, und wir können beginnen, von dort Material für unsere Reflexionen
heranzuziehen.
Erikson wurde aufmerksam auf die Identitätskrise, die besonders – aber
nicht ausschließlich – bei Jugendlichen in den vereinigten Staten (USA) weit
verbreitet schien. Wenn Identität „ein subjektiver Sinn für die
belebende Gleichheit und Kontinuität“[1] ist,
schien es, als ob viele der verwirrten Rebellen und destruktiven Verbrecher
jener Tage tatsächlich damit rangen, in einem Klima rascher historischer
Veränderungen eine Identität zu erreichen. Die Betonung von Gleichheit und
Kontinuität ist bezeichnend, aber Erikson würde auch ein dynamisches Element
betonen, nämlich einen Sinn für Ethik und Werte, die verwirklicht werden
sollen, und einen Sinn für den zukünftigen Generationen gegenüber, die die
bloße individuelle Identität übersteigt[2].
Dieses Bewusstsein einer persönlichen Identität ist tatsächlich etwas, das
man erreichen muss – das nicht gegeben ist –, das nur nach dem Durchgang
durch verschiedene „Krisen“ erreicht wird, und das – anfanghaft
erreicht – mit weiteren Krisen konfrontiert werden muss, bevor ein
persönlicher Lebensweg vollendet sein wird.
Lassen Sie uns einen kurzen Blick auf die Abfolge der Stufen
werfen, wie Erikson sie vorgestellt hat. Unser vorwiegendes Interesse dabei ist
das Hervortreten des Bewusstseins einer persönlichen Identität im Jugendalter,
aber es wird auch hilfreich sein, die vorausgehenden und die folgenden Stadien
zu betrachten.
Eriksons Stufen
Eriksons Entwurf des individuellen Lebenszyklus kann als grundsätzlich
traditionell und nüchtern bezeichnet werden. Er ist z. B. nicht auf dem Index
der Encyclopedia of Postmodernism[3]
vermerkt! Er bietet einen „sicheren“ Platz dafür an, mit unseren
Überlegungen darüber anzufangen, wie sich die persönlichen Identität
normalerweise in unserer „westlichen“ Kultur entwickelt.
Die erste Stufe
Das erste Problem im Leben eines Kleinkindes, auf das Erikson hinweist, ist
die Entwicklung von Urvertrauen. Dieses Grundvertrauen meint sowohl die
anderen als auch sich selbst: ein Gefühl für die unzweifelhafte
Vertrauenswürdigkeit von anderen – Ich kann ihnen trauen – und ein
Gefühl für die eigenen Vertrauenswürdigkeit – man kann mir trauen. Wir
wissen über das Misstrauen aus der Psychopathologie von Erwachsenen, die
unfähig scheinen, sich oder anderen zu vertrauen; wir haben den Eindruck nicht
fähig zu sein, diese Individuellen „zu erreichen“. Das Resultat der
Spannung zwischen Vertrauen und Misstrauen hängt von der Qualität der
mütterlichen Sorge ab, die das Kleinkind erhält. Eine erfolgreiche
„Lösung“ der Spannung kann jedoch nicht in der ausschließlichen Betonung
eines einzigen Pols gefunden werden. Es ist klar, dass die ausschließliche
Option für das Misstrauen eine schreckliche und kaum menschenwürdige Zukunft
für sich selbst bedeuten würde. Aber ausschließlich auf das Vertrauen zu
setzen, würde bedeuten, dass man naiv gegenüber anderen und überheblich in
Bezug auf sich selbst ist. Man sollte darüber nachdenken, dass man nicht
jedermann immer trauen soll, und ich selbst könnte in bestimmten Umständen
auch nicht so vertrauenswürdig sein. Der Prediger Kohelet könnte in Bezug auf
diese Stufe gesagt haben: „Es gibt eine Zeit des Vertrauens und eine Zeit des
Misstrauens.“
Zweite Stufe
Die frühe Kindheit ist durch das Auftreten des Willens gekennzeichnet, man
selbst zu sein. Das Kind beginnt einen autonomen Willen zu spüren. Die Frage
hier ist wie ein Gefühl für Selbstkontrolle erworben wird, ohne die
Selbstachtung zu verlieren. Es geht darum, autonom zu werden, aber unabhängig
zu sein, führt zu Zweifeln: Was passiert, wenn ich falsch liege? Die Spannung
kann mit den Begriffen Autonomie gegenüber Scham und Zweifel ausgedrückt
werden. Wiederum kann die erfolgreiche Lösung nicht darin gefunden werden,
ausschließlich für einen der beiden Pole zu optieren. Es gibt eine
übertriebene Autonomie, wir kennen alle jenen Typ von Menschen, der nie Rat
sucht oder Hilfe akzeptiert; in der Arbeit und in Gruppen machen sie anderen das
Leben schwer. Andererseits kann die Fähigkeit zu zweifeln auch lähmen; wir
alle haben wohl schon an Menschen gelitten, die unfähig sind, sich zu
entscheiden und Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie entschieden haben.
Es gibt eine Zeit für die Autonomie und eine Zeit für den Zweifel, und es wird
wichtig sein zu wissen, wann und in welcher Situation das eine und wann das
andere angemessen ist.
Dritte Stufe
Auf der nächsten Stufe ist das Kind davon überzeugt, dass es
eigenständig ist, und es muss herausfinden, welche Art von Person es werden
kann. Dies ist der Anfang einer Zukunftsorientierung, und es beginnt die Suche
nach Vorbildern, denen man nacheifert. Dies ist die Stufe der
„Identifikation“ mit den Eltern. Das Kind kann sich freier bewegen und
sprechen; und durch Bewegung und Sprache wächst die Vorstellung. Es gibt
Spielraum für Initiative, für den Ausdruck eines Gespürs für
Selbstbeherrschung. Aber wenn dieses zusammenbricht, folgt ein bedrückendes
Schuldgefühl. Auch hier meint Fortschritt, die Spannung zwischen den Polen
angemessen zu leben. Ohne Initiative ist eine Person dazu verurteilt, im Kreis
der eigenen gegenwärtig entwickelten Kapazitäten eingeschlossen zu bleiben;
ohne die Fähigkeit zu Schuldbewusstsein kann ein Mensch nicht aus Fehlern
lernen und wird im Gruppenverhalten sehr schwierig sein.
Vierte Stufe
Ab dem Schulalter entsteht ein Gespür dafür, dass „Ich bin, was mir zu
tun gelingt“[4].
Aufgaben werden ausgesucht, aber werde ich fähig sein, sie auszuführen? Die
Spannung besteht zwischen Fleiß und Minderwertigkeitsgefühlen; seine
erfolgreiche Lösung liegt im Aushalten der Spannung zwischen den beiden Polen,
so dass das Minderwertigkeitsgefühl nicht den Fleiß blockiert, sondern einen
kritischen Realitätssinn für das gewährleistet, was man tun will.
Fünfte Stufe
Dann kommt die Adoleszenz, das Zwischenstadium, in dem man die Kindheit
hinter sich lässt, aber noch nicht erwachsen ist. Der Jugendliche erreicht
diese Stufe mit dem, was er in der Vergangenheit erlebt hat – mit dem, wie er
die Spannungen zwischen Vertrauen-Misstrauen, Autonomie-Scham und Zweifel,
Initiative-Schuld, Fleiβ-Minderwertigkeitsgefühl, mehr oder weniger
befriedigend gelöst hat; perfekte Lösung gibt es hier nicht. Er wird mit
Erfahrungen von Verwundungen wie auch von Erfolgen an diesen Punkt kommen, mit
unverrichteten Herausforderungen wie auch mit dem, was gelungen ist.
Von diesem Ausgangspunkt aus nimmt der Jugendliche sich selbst wahr und
fragt sich, wie er in den Augen von anderen erscheint. Jugendliche können für
ihre Selbstbeobachtung berüchtigt sein. Da sie Kontinuität und Gleichheit
suchen, suchen sie in anderen nach Ideen, an die man glauben kann. Es kann zu
einer Überidentifikation mit Helden oder Peer-Gruppen kommen; es kann zu
Stammesdenken und klischeehafter Anpassung kommen. Die eigene Fähigkeit, loyal
zu bleiben, wird einer Prüfung ausgesetzt. Diese Stufe wird in der komplexen
Welt, in der wir leben mehr und mehr ausgedehnt, und die Unfähigkeit, eine
Arbeitsidentität zu entwickeln kann besonders störend wirken. Entfremdung auf
diese Stufe führt zu dem, was Erikson „Identitätsverwirrung“ nennt. Er
gibt auch zu bedenken, dass auf dieser Stufe die “Demokratie … den
Jugendlichen ihre Ideale vorstellen muss, die von jungen Leuten aus vielen
Milieus geteilt werden können, und die Autonomie als Unabhängigkeit und
Initiative in der Form von konstruktiver Arbeit betont“[5]. Die
Spannung ist jene zwischen „Identität und Identitätsverwirrung“, und da
Identität tatsächlich ein Endziel ist, wird sie nicht so rigide sein, dass sie
weitere Anpassungen angesichts neuer Herausforderungen ausschließt.
Zwei Punkte sollen hier hervorgehoben werden.
Zunächst ist es erwähnenswert, dass der Jugendliche unweigerlich zu
verschiedenen Gruppen gehört – z. B. zu einer Familie, zu einer Gruppe von
Gleichaltrigen –, was die Schwierigkeit der vielfältigen Zugehörigkeit mit
sich bringt. Die Erwartungen der eigenen Familie und diejenigen der Peers
stimmen nicht immer überein, und es beginnt eine lange Suche nach einer
kohärenten Synthese, die Kontinuität bietet und eine stabile Loyalität
ermöglicht. Das Gespür für Solidarität mit anderen beginnt unscheinbar –
innerhalb der eigenen Familie, mit den eigenen Freunden, so dass es zu dem
Auftreten dessen kommen kann, was Erikson „pseudospecies“ (Pseudo-Gattung)
nennt. In anderen Worten, man erkennt nicht, dass wir alle zu einer menschlichen
Gattung gehören, so dass es zu einem Fehlen des Gespürs für Solidarität
kommt, das in der allgemeinen Verkündigung der Menschenrechte vorausgesetzt
wird. Es kann dazu kommen, dass jemand in der „Pseudo-Gattung“ verschlossen
bleibt und davon überzeugt ist, dass seine/ihre Gruppe die einzige ist, die
zählt. Auch kann dies später, wenn man mit neuen Herausforderungen
konfrontiert ist, sich mit einer größeren Gruppe zu identifizieren, zu der
Versuchung führen, zu regredieren, sich zurückzuziehen und sich mit einer
begrenzten Identität zufrieden zu geben, was dazu führt, dass man ein sehr
begrenztes Gespür für Solidarität entwickelt. Die Qualität einer Identität
in europäischen Kontext wird davon abhängig, wie gut es gelungen is, die
Versuchung zu überwinden, in der Gruppe seiner ursprüglichen Loyalität zu
verbleiben.
Zweitens, gemeinsam mit der übertriebenen Verallgemeinerung und
Vereinfachung, die den Jugendlichen einige Zeit begleiten werden, kommt es zu
dem Phänomen der negativen Identifikation. Damit ist gemeint, dass man
die eigene Identität darin findet, was man nicht ist oder wogegen man ist. Wenn
man in Situationen von religiöser Verfolgung Mitglied der Kirche ist, führt
dies zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Regime, und dies kann die
eigene religiöse Identität stärken. Wenn die Verfolgungszeit endet und dieses
Element der negativen Identifikation wegfällt, kann es dazu kommen, dass die
eigene religiöse Identität geschwächt wird und die religiöse Praxis
wegfällt. Wenn man sich dieser Identifikation stellt, ist sie die Einladung,
die eigene religiöse Motivation zu läutern, aber es kann beträchtliche Zeit
in Anspruch nehmen, bis man diese Dynamik erkennt und die notwendige
Kreativität entwickelt, um diesen Trend umzukehren.
Das Phänomen der negativen Identifikation kommt auch unter Sportfans vor.
Nehmen Sie z. B. den Fußball in Schottland: wenn ich ein Celtic Fan bin, will
ich, das Celtic gewinnt, aber wenn sie am Samstag verlieren, kann ich dennoch
Trost finden, wenn „die anderen“, Rangers, auch verlieren. In England gibt
es die Abkürzung ABMU „Anything but Manchester United“, und ich meinte,
dass in Deutschland Bayern München in Unterschied zu achtzehnsechzig München
(1860) dazu herangezogen werden könnte. Wenn man dies mit Humor anwendet, kann
es ein Weg zur Bewältigung sein. Für das Jugendalter ist dies ziemlich normal,
aber es kann weiterdauern und auch von Erwachsenen verwendet werden, und dann
ist es nicht mehr lustig oder eine Frage einer Bewältigungsstrategie, sondern
vielmehr ein Vorwand für destruktiven Hass: auf den anderen Stamm, auf andere
ethnische Gruppe, auf andere Länder und Kontinente – und dies mit tragischen
Konsequenzen. Dies geschieht dann, wenn unsere Identitäten „von der Abwertung
anderer“ leben, um einen Ausdruck von Erikson aufzunehmen[6] –
eine nüchterne Erinnerung an die Entstellungen, zu den Menschen so schnell
fähig sind.
Übergang
Die Adoleszenz ist für Erikson die Wasserscheide, die das Leben eines
Menschen in die Zeit vorher und nachher teilt. Was nachher kommt nennt er sogar
„jenseits der Identität“[7].
Aber während die folgenden Stufe „jenseits“ sind, da sie nach dem
anfanghaften Stabilisieren der Identität in der Adoleszenz kommen, glaube ich,
dass sie ebenfalls als eine Prüfung dieser Identität aufgefasst
werden können. Es muss sich erst noch weisen, ob die sich entwickelnde
Identität sich auch wirklich stabilisiert; wenn neue Herausforderungen
angenommen werden, können sie zu weiterer Konsolidierung und Entwicklung der
persönlichen Identität führen.
Außerdem ist es bemerkenswert, dass ungenügend gelöste Fragen,
unverrichtete Herausforderungen zu Fixierungen führen können, zu denen man
später unter Druck zurückkehrt. So können Schwierigkeiten, mit anderen in
vertrauensvollen Beziehungen zu bleiben, oder die Tendenz zu Dickköpfigkeit
oder eine Geschäftigkeit, die zu einer „Flucht in Arbeit“ wird, zu später
zu regressiven und gestörten Reaktionen eines Erwachsenen auf Angst
werden.
Sechste Stufe
Der erste Schritt „jenseits der Identität“ – d.h. nach der Stufe
der Adoleszenz, bringt die Spannung zwischen Intimität und Isolation mit sich,
wobei Isolation die Unfähigkeit meint, die Gelegenheit zu nutzen, die eigene
Identität zu erweitern, indem man wahre Intimität teilt. Wo es hingegen statt
zu Intimität zu Abstandhalten kommt, werden Außenstehende mit einer
fanatischen „Überbewertung von kleinen Unterschieden“[8]
zwischen dem Bekannten und dem Fremden betrachtet. Die Wahl besteht hier
zwischen einer progressiven Öffnung auf den anderen hin und einem
Sich-Abschließen gegenüber dem, was auf irgendeine Art als anders erlebt wird.
Erikson spricht hier vom ethischen Gespür des Erwachsenen, das die ideologische
Überzeugung der Adoleszenz und den Moralismus der Kindheit ablöst, und um was
es zu gehen scheint, ist eine wachsende Vernünftigkeit und ein Sinn für die
Universalität, wie man zu Urteilen kommt und wie Positionen angenommen werden.
In diesem Kontext wird man an die Worte Benedikts XVI in seiner Ansprache vor
der Generalversammlung der Vereinten Nationen erinnert (18. April 2008): Er
erinnert seine Hörer daran, dass die Menschenrechte und die ihnen
entsprechenden Verpflichtungen nicht das ausschließliche Resultat von
legislativen Anordnungen sind, sondern – „daß sie das Ergebnis eines
gemeinsamen Gerechtigkeitssinns sind, der sich vor allem auf die Solidarität
zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft gründet und daher für alle Völker
und Zeiten gültig ist. Diese intuitive Erkenntnis wurde schon im fünften
Jahrhundert von Augustinus von Hippo … formuliert. Er lehrte, daß der Satz
»Tue nichts, was du nicht möchtest, daß man dir tun soll« »in keiner Weise
aufgrund in der Welt vorhandener unterschiedlicher Verständnisse variieren
kann« (De doctrina christiana, III, 14)“.
Siebte Stufe
Die nächste Stufe ist durch das Bemühen gekennzeichnet, die nächste
Generation mit der angemessenen Sorgfalt zu begrunden und zu führen, und die
Spannung ist jene zwischen Generativität und Stagnation. Der gewachsene Sinn
für Verantwortung ist hier offensichtlich, genauso wie die Fähigkeit, in
seiner Anteilnahme über sich selbst hinauszugehen. Generativität beschränkt
sich nicht auf die eigenen Kinder, sondern schließt die zukünftigen
Generationen mit ein. Sie meint das Anliegen, eine Kultur weiterzugeben, die
Werte zu vermitteln, die man für wichtig hält, die Sorge für den Planeten zu
haben, den wir nur für eine begrenzte Zeit bewohnen und den wir denen
weitergeben müssen, die nach uns kommen. Auch hier scheint das, was Erikson
vorschlägt, ohne Weiteres mit der Lehre der Kirche vereinbar zu sein. Es ist
offensichtlich, dass es hier zu einer wachsenden Betonung der eigenen Pflichten
anderen gegenüber kommt und dass die eigenen Rechte weniger wichtig
werden.
Achte Stufe
Das Wort, mit dem Erikson die letzte Stufe des Lebenszyklus bezeichnet,
heißt Integrität. Es ist charakteristisch für jene alternden Menschen, die
erfolgreich die verschiedenen Stufen bestanden haben und die die Erfolge und
Misserfolge des Lebens gut bewältigt haben. Diese Integrität schließt mit
ein, dass man mit Gelassenheit den eigenen Lebenszyklus als die eine und einzige
Chance akzeptiert, die man besaß, um eine Lebensgeschichte zu entwickeln, mit
ihren Grenzen, Erfolgen und Misserfolgen. Sie meint Versöhnung mit Menschen,
die im eigenen Leben wichtig sind – von den Eltern und der Familie mit ihren
guten und schlechten Seiten bis hin zu allen, die immer noch eine wichtige Rolle
im eigenen Leben gespielt haben. Diese Integrität ist charakteristisch für
jemand, der bereit ist, das Nunc dimittis mit Dankbarkeit und
Gelassenheit zu singen. Die Spannung besteht zu Ekel und Verzweiflung. Für
diejenigen, die in Gott glauben, wird hier die Frage nach der Hoffnung und dem
Kontext, den diese anbietet besonders relevant. Obwohl der Kontext, in dem
Erikson schreibt, nicht theologisch ist, scheint es möglich, den Lebenszyklus,
den er beschreibt, innerhalb eines Glaubenshorizonts aufzunehmen. Tatsächlich
ist es für einen glaubenden Menschen schwer vorstellbar, wie man eine gelassene
Integrität ohne Glauben an einen liebenden Gott erwerben kann, von dem man
kommt und zu dem man zurückkehrt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: die Entstehung einen festen personalen
Identität hängt davon ab wie gut der einzelne – oder Gurppen – mit den
Themen von Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiβ fertig geworden sind; und
wie solid die persönliche Identität ist wird deutlich, wenn die Person –
oder Gruppen von Personen – mit dem Themen der Intimität, Generativität und
Integrität zu Rande kommen.
Zwei kurze Gedankenspiele
1. Welches Identitätsverständnis hat wohl die Gründungsväter des
gemeinsamen Europa geprägt?
In ihrem Hirtenwort zum Referendum über den Vertrag von Lissabon haben die
irischen Bischöfe darauf hingewiesen, dass die Vision von einem „Europa, das
in Eintracht lebt“ vom christlichen Glauben vieler wichtiger Figuren in der
Gründungsphase der Europäischen Wirtschaftsunion bestimmt war. Besonders
werden Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman hervorgehoben. Die
Bischöfe stellen fest, dass das neue Europa auf dem Respekt für die
Menschenwürde und dem Interesse für das gemeinsame Wohl beruhen sollte. Obwohl
sie eine „Wirtschafts-Union“ war, sollte sie mehr auf das Ideal der
Solidarität gegründet sein als auf „das Verlangen, wirtschaftliches Wachstum
als Selbstziel anzustreben“ (#2). Nach zwei Weltkriegen, die zu mehr als
sechzig (60) Millionen Toten und einem immensen ökonomischen Niedergang
geführt hatten, war es tatsächlich mutig von der Gründungsväter des
europäischen Projektes zu glauben, dass die Wunden des Krieges geheilt werden
könnten und dass der Friede durch politische, ökonomische und soziale
Zusammenarbeit gefördert werden könnte. Das halbe Jahrhundert, das folgte, war
relativ friedlich und führte zu einem hohen Grad an Stabilität und Wohlstand,
was zu beweisen scheint, dass die ursprüngliche Vision keine
Illusion war.
Wir mögen nun fragen, was das Identitätsverständnis dieser
Gründungsväter gewesen sein könnte, das ihnen ermöglichte, dieses Projekt zu
entwerfen und in Gang zu bringen. Wir können hier nur spekulieren; wir werden
nicht die Schriften von Adenauer, De Gasperis und Schuman überprüfen; aber es
wird keine „müßige“ Spekulation sein, da wir sie innerhalb des Rahmens
anstellen, den Erikson bereitstellt.
Erste Stufe: eine Frage des Grundvertrauens
Es ist wirklich erstaunlich, dass solch eine Projekt aus der Asche eines
scheußlichen und ausgedehnten Krieges erwachsen konnte. Es ist wirklich
bemerkenswert, dass diese Männer sich die Fähigkeit zum Vertrauen so sehr
bewahrt hatten, dass sie in einen konstruktiven Dialog eintreten konnten. Wir
können in unsere Überlegungen miteinschließen, dass ohne Vergebung dieser
Dialog nicht möglich gewesen wäre; in gewissem Sinn waren sie fähig, das
lex talionis zu überwinden, das sich bei solchen Gelegenheiten
allzu leicht selbst aufzwingt, und das viel zu oft die Konflikte in unserer Welt
nur verlängert. Sicherlich ist es vertretbar zu meinen, dass der christliche
Glaube der drei Gründungspersönlichkeiten entscheidend dafür war, dass sie
ihr Vertrauen in die Menschheit bewahrten oder wieder erlangten – trotz der
unglückseligen Tragödie des Krieges. Mehr noch: ihr Vertrauen blieb
realistisch, es war keine naive Illusion.
Zweite Stufe: Autonomie und das Überwinden des
Zweifels
Wieder kann man sich leicht die Schwierigkeit vorstellen, ein Bewusstsein
für die eigenen Autonomie zu bewahren, nachdem es jahrelang Hilflosigkeit und
die Unmöglichkeit, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, das tägliche
Brot gewesen waren. Wenn wir an zerbombten Städte, an die Vertriebene und an
die Kriegsgefangene denken, dann kommt einem Autonomie nicht als erstes Wort in
den Sinn. Es wäre so einfach gewesen, in Zweifel und Passivität zu versinken.
Aber diese Gründer waren offenbar in der Lage, die Spannung zwischen Autonomie
und Zweifel auszuhalten und vorwärts zu gehen.
Unsere Überlegungen kommen auch in Bezug auf die nächsten beiden
Stufen zu ähnlichen Ergebnissen: Schuld, die die Initiative nicht
unterbindet (dritte Stufe) und Unterlegenheit, die nicht Emsigkeit behindert
(vierte Stufe).
Aber erst mit der fünften Stufe behandeln wir
Identität im eigentlichen Sinn. Um das vollbringen zu können, was sie taten,
brauchten diese Gründer einen bemerkenswerten Sinn für Identität, robust und
flexibel zugleich. Ihr Zugehörigkeitsgefühl war nicht auf einige
„Pseudogattungen“ beschränkt; sie waren in der Lage, Bürger eines Landes
zu sein – der Bundesrepublik Deutschland oder Frankreichs oder Italiens –,
und dies mit dem Zugehörigkeitsgefühl zu etwas Größerem, nämlich Europa,
zu verbinden. Dies muss auch bedeutet haben, dass sie über eine negative
Identität in einem beschränkenden Sinn hinausgehen konnten, damit es möglich
würde, Deutscher zu sein, ohne gegen Franzosen oder Italiener zu sein, und
umgekehrt. Das Bedürfnis, „von der Abwertung anderer zu leben“, war
überwunden.
Auf der sechsten Stufe wurde wiederum die
„Überbewertung von kleinen Unterschieden“ überwunden. Das Ideal eines
vereinten Europas ist keines einer Gleichschaltung; die nationalen Unterschieden
können bestehen bleiben, aber sie sollen nicht zum Hindernis dafür werden,
miteinander zu teilen oder sich nahe zu kommen. Das ethische Gespür, von dem
Erikson als typisch für diese Stufe spricht, ist offensichtlich im Respekt für
die Menschenwürde und die Förderung des Gemeinwohles, das für die Gründer
die Grundlage für die wirtschaftliche Gemeinschaft bietet.
Mit Blick auf Generativität und der Fürsorge für künftige Generationen,
dem Fokus der siebten Stufe, braucht es kaum einen Kommentar. Und in Bezug auf
die achte Stufe brauchen wir uns nur das Bild des reifen Konrad Adenauer als
Symbol für ein Altern in Würde vor Augen zu halten. Dies ist zwar
impressionistisch, aber es mag zum Ende dieses ersten Gedankenspiels
genügen.
Das zweite Gedankenspiel handelt von der Identität im Licht des jüngst
erfolgten irischen Referendums.
2. Welche Herausforderungen ergeben sich für das
Identitätsbewusstsein aus dem irischen Referendum?
Wie Sie wissen, fand am 12. Juni 2008 in Irland ein Referendum über den
Vertrag von Lissabon statt. Die Einzelheiten des Vertrages sind in diesem
Zusammenhang nicht erheblich; das Referendum – das zu dem Zeitpunkt
stattfand, als ich diesen Vortrag verfasste – kann unser Fragen bezüglich
der europäischen Identität ein wenig konkretisieren.
Das bloße Fakten sind, dass 53,4 % derjenigen, die am Referendum
teilnahmen, gegen die Ratifizierung des Vertrages gestimmt haben und 46,6% für
die Ratifzierung. Wir werden nie wissen, was die Wähler dazu bewogen, so
abzustimmen, wie sie es getan haben. Im Anschluss an das Referendum schien es
von den Journalisten angenommen zu werden, dass eine Zustimmung keiner weiteren
Begründung bedurfte – die Gründe für die Zustimmung erschienen als
stichhaltig und vertretbar – der Vertrag war insgesamt „eine gute Sache“.
Das ist freilich ein Urteil, über das diskutiert werden kann, das uns hier aber
nicht zu beschäftigen braucht.
In den Zeitungen beschäftigte man sich mit den Gründen für die
Ablehnung, und die Gründe, die dafür ins Feld geführt wurden, war viele und
vielfältig. Zunächst ist der Vertragstext selbst sehr kompliziert, und es ist
wenig wahrscheinlich, dass viele Wähler ihn selber gelesen hatten. Wegen seiner
Komplexität waren die konkreten Implikationen des Dokumentes für die Wähler
nicht in allem klar[9].
Außerdem scheint es, als ob diejenigen, die die Öffentlichkeit informieren
sollten, nicht ausreichend kompetent erschienen. Das Ergebnis war, dass ein
Gutteil der Wähler unsicher geblieben zu sein scheint. Manches an dieser
Unsicherheit betraf Grundwerte und Grundrechte. Um nur einige Beispiele zu
nenne: Führt der Vertrag von Lissabon dazu, Abtreibung, Euthanasie,
gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften anerkennen zu müssen? Würde er
die irische Neutralität beenden und den Zwang mit sich bringen, in eine
europäische Armee einzutreten? Während bezüglich dieser Punkte von
offizieller Seite beruhigt wurde, gab es auch andere Stellungnahmen, die die
Zweifel beschworen, die mit den Ängsten der Leute spielten und die die
Atmosphäre der Unsicherheit ausnutzten. In diesem Klima bedeutete die Ablehnung
nicht unbedingt, gegen Europa zu sein, aber die Atmosphäre ermutigte die
Regression zu ungenügend gelösten Konflikten, die eine ganze Reihe von
Unsicherheiten im Zusammenhang mit der europäischen Identität in der irischen
Wählerschaft aufzeigte.
Eine diese Unsicherheiten hat mit dem Misstrauen zu tun. In Irland gibt es
heutzutage ein Problem mit dem Misstrauen in Institutionen: es gibt Misstrauen
gegenüber politischen Institutionen, wobei finanzielle Unregelmäßigkeiten von
Seiten einiger Politiker erschwerend hinzukamen; es gibt Misstrauen gegenüber
der Bürokratie, die so weit von der Wirklichkeit der Bürger entfernt sein
kann; und es gibt Misstrauen gegenüber der Kirche, wobei die Skandale, in die
Priester und Ordensleute verwickelt waren und die in der Presse so breit
getreten wurden, den Respekt schwinden haben lassen, den die Kirche einst
genoss. Die Unsicherheit, die mit dem Vertrag von Lissabon verbunden ist, hat
diese Art von Misstrauen hervortreten lassen, so dass es schwieriger wurde, mit
Ja zu stimmen – und dies, obwohl die großen politischen Parteien, die
Gewerkschaften, die Bauergenossenschaften und die Arbeitgeberverbände sich
für ein Ja eingesetzt hatten.
Eine andere Quelle der Unsicherheit hat mit der Autonomie zu tun. Irland
hat die politische Unabhängigkeit erst nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft
erreicht, und die irische Neutralität wird eifersüchtig gehütet. Während des
Zweiten Weltkrieges blieb Irland offiziell neutral und auch heute gehört es
nicht zur NATO. Was im Vertrag von Lissabon dorthin tendiert, eine gemeinsame
Außenpolitik zu stärken, konnte leicht so angesehen werden, dass es die hart
erkämpfte Autonomie gefährdet. Wenn man nicht begreift, wie wichtig es ist,
dass die EU auf der internationalen Bühne stärker agieren kann; wenn man nicht
begreift, dass viele der heutigen Probleme nicht von einzelnen Staaten für sich
allein gelöst werden können (hier kann man z. B. an wirtschaftliche Fragen
denken, an die Klimaerwärmung, die Probleme von Hunger, Terrorismus und
Menschenhandel) – wenn man diese Aspekte der Globalisierung nicht begreift,
dann können die Wähler leicht zurück weichen und die Bedeutung der nationalen
Autonomie überbetonen.
Der Slogan, der von den Vertragsgegnern benutzt wurde – dass Irland
„ein besseres Geschäft“ machen könnte, wenn es sich gegen die
Unterzeichnung des Vertrages sperren würde –, weist auf ein partielles
Zugehörigkeitsgefühl hin – und darauf, dass man fast ausschließlich mit
den eigenen unmittelbaren Interessen und Vorteilen beschäftigt ist, anstatt
diese im größeren Kontext der 27 Mitgliedsländer zu sehen, wo ein Geben und
Nehmen für das Gemeinwohl erforderlich ist. Es ist pure Spekulation, wenn man
fragt, wie viele Leute von diesen Überlegungen beeinflusst waren, aber
zweifellos waren es einige.
Hier gibt es auch Anzeichen für einen gewissen kurzsichtigen Pragmatismus
auf der Seite von einigen im Gegensatz zu einem langfristig angelegten
Idealismus. Nicht, dass es keinen Idealismus gäbe, aber die Sicht ist einseitig
und unklar. In der Vergangenheit war Ire sein fast gleichbedeutend mit Katholik
sein, und religiöse und politische Verfolgung war kaum zu trennen. Durch die
politische Unabhängigkeit und besonders durch den Beginn des wirtschaftlichen
Wohlstands hat sich die Rolle der Kirche allmählich verändert. Man gehört
nicht mehr automatisch zur Kirche. Nun steht jeder vor der Herausforderung
wieder zu entdecken, warum man Katholik ist und dann zu wählen. Man muss auch
wieder entdecken, welches Menschenbild hinter den konkreten Vorhaben für das
Gemeinwohl liegen, für das sich tatsächlich freiwillig engagieren. Das von der
Kirche schon vorbereitete Modell ist nun weniger bedeutungsvoll als früher. Die
Werte, die dieses Modell enthält, müssen wieder neu ins Bewuβtsein gerufen
werden. Und, nach meiner Meinung, das Wiederentdecken dieser Werte hängt mehr
an Zeugnissen, als an Worten. In einem Sterbehospiz, zum Beispiel, wird mehr
gegen Euthanasie getan als es die gewandtesten Worte über die Unantastbarkeit
des Lebens tun können. Die Gemeinschaften der „Arche“ von Behinderten und
Nicht-Behinderten zeigt mehr als jeder Vortrag die fundamentale Gleichheit aller
Menschen vor Gott.
Was vielleicht aus diesen Reflexionen hervorgehen kann ist die Erkenntnis,
dass ein Teil der irischen Wählerschaft in einer adoleszenten europäischen
Identität steckt; in einer Identität, die verletzbar bleibt und erprobt werden
muss. Es bestand weiterhin Bedarf, besonders in den späten Stufen von Erikson
zu wachsen: die Spannung zwischen Intimität und Isolation zu bewältigen und
einen erwachsenen Sinn für Ethik zu entwickeln; und in der Generativität zu
wachsen, in der man bereit ist, eher Pflichten als Rechte in Erwägung zu
ziehen. Integrität bleibt für uns alle ein Ziel. Lassen Sie uns hoffen, dass
wir darauf zu wachsen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Dĕkuji za
pózornost.
Tim Healy SJ
Benedikt XVI Ansprache vor der UN-Vollversammlung im Glaspalast
New York
Freitag, 18. April 2008.
Erikson, Erik H. Identity Youth and Crisis, New York:
Norton, 1968.
Irische Bischöfe Fostering a Community of Values – Pastoral
Reflection from the Catholic Bishops of Ireland on the occasion of the
referendum on the Treaty of Lisbon, (Hirtenwort zum Referendum über den
Vertrag von Lissabon), 29. Mai 2008.
Taylor V.E.– Winquist C.E. Encyclopedia of Postmodernism, London
& New York: Routledge, 2001.
[1] Erik H. Erikson Identity Youth and Crisis, New York: Norton,
1968, 19 – eigene Übersetzung.
[3] Taylor V.E. –Winquist C.E. Encyclopedia of Postmodernism,
, London & New York: Routledge, 2001.
[4] Erikson Identity…, 127.
[5] Erikson Identity…, 133.
[6] Erikson Identity…, 299.
[7] Erikson Identity…, 135.
[8] Vgl. Erikson Identity…, 136.
[9] Es scheint zweifelhaft, ob es weise war, angesichts eines so komplexen
Dokumentes die schlichte Alternative ja-nein aufzustellen. Aber das braucht hier
nicht entschieden zu werden.