Identität und Menschenbild heute – Modelle und Kriterien

 Das Thema dieses Vortrages ist «Identität und Menschenbild heute – Modelle und Kriterien». Der Kontext dieser Tage hier in Bor (Haid) bedeutet, dass die Identität, über die nachgedacht wird, offenbar in Beziehung zur europäischen Identität verstanden werden muss, zu unserer Identität als Europäer. Um zur europäischen Identität etwas Hilfreiches sagen zu können, bräuchte man eine beträchtliche interdisziplinäre Kenntnis. Denn hier sind ganz offensichtlich geschichtliche, soziologische und politische Fragen angesprochen, um nur drei wesentliche Felder zu benennen. Die Aufgabe ist tatsächlich furchteinflößend. Und, da ich weder Historiker noch Soziologe oder Politikwissen­schaftler bin, bin ich mir der Herausforderungen bewusst, etwas Nützliches zu sagen. Ich bin besonders dankbar dafür, dass einige Vorredner diese europäische Dimension schon ausdrücklich erwähnt haben – Professor Dumont über “Die Wurzeln der europäischen Identität”, und Dr Zurflux über “Wo sind die Werte für eine gemeinsame Zukunft Europas zu Suchen?” Daher ist es für mich beruhigend zu sehen, dass das Scherflein, das ich beizusteuern habe, einen Beitrag zu etwas leisten kann, das größer ist als das Scherflein selbst – ganz so, wie jeder einzelne europäische Staat nur etwas Begrenztes leisten kann, das dennoch ein Beitrag zu etwas sein kann, das größer ist, als er selbst, nämlich Europa.
 
Das, was ich hier vorstellen will, entstammt großteils den Bereichen von Psychologie und philosophischer Anthropologie. Zunächst möchte ich die Struktur meines Vortrages vorstellen.
 
Als ich über die Frage nachdachte „Was macht uns zu Europäern?“, war ich davon beeindruckt, wie schwer es ist, eine einfache Antwort darauf zu finden. Unsere europäische Identität ist ja tatsächlich komplex. Wir wissen, dass wir Europäer sind, aber Sokrates hätte großen Spaß daran gehabt, die Frage zu stellen: „Was ist es, das euch zu Europäern macht?“
 
Auf den ersten Blick ist die große Verschiedenheit, die Europa auszeichnet, sehr beeindruckend. Obwohl Europa auf der Weltkarte nur einen relativ kleinen Platz einnimmt zwischen Skandinavien im Norden und Sizilien und Malta im Süden, zwischen Irland und Portugal im Westen und dem Schwarzen Meer im Osten – die genauen Grenzen sind nicht immer leicht zu definieren – findet man einen bemerkenswerten Grad an Unterschieden. Das sind nicht nur die Unterschiede an Ländern und Sprachen, sonder auch die verschiedenen kulturellen und religiös-konfessionellen Traditionen. Jedoch ist Europa insgesamt wahrscheinlich nicht komplexer als Indien. Und so, wie es für jemand sinnvoll sein kann zu sagen „Ich bin Inder“, so kann es für uns sinnvoll sein zu sagen „Ich bin Europäer“.
 
Dieses Empfinden, ein Europäer zu sein, kann als eines der Elemente unserer persönlichen Identität angesehen werden. Daher schlage ich vor damit zu beginnen, näher darauf zu schauen, wie ein Individuum im allgemeinen eine persönliche Identität entwickelt. Ich werde dies tun in der Hoffnung, etwas Licht auf die Frage nach unserer europäischen Identität zu werfen. Nach diesem Hauptteil werde zwei kurze Gedankenspiele folgen. Das erste über das Identitätsgefühl, das die Gründungsväter des vereinten Europa von heute ausgezeichnet haben muss, und ein zweites Gedankenspiel über die jüngste Erfahrung mit dem irischen Referendum über den Vertrag von Lissabon aus der Sicht der Identitätsfrage.
 
Das Auftreten eines persönlichen Identitätsbewus­stseins
Jenseits der metaphysischen Bedeutung von „Identität” – d. h. die Frage danach, was jeden von uns einmalig und unwiederholbar macht – gibt es auch die „persönliche Identität“, d. h. das Bewusstsein, das eine Person davon hat, wer er oder sie ist. Diese Identität ist mehr als der Name, den man trägt, sie schließt ein Bewusstsein von der eigenen Vergangenheit, von den eigenen derzeitigen Möglichkeiten und Überzeugungen und von den Bestrebungen für die Zukunft ein. Identitätsbewus­stsein zu haben, ist etwas, was man erwerben muss, nicht etwas, womit man geboren wird. Viel ist darüber geschrieben worden, wie man eine persönliche Identität erwirbt, über die Faktoren, die zu einer erfolgreichen Entwicklung der persönlichen Identität beitragen, über die Schwierigkeiten, die in dieser Entwicklung auftreten können, und über die möglichen Fehlentwicklungen, die aus einem unvollendeten oder sogar fehlgeleiteten Prozess resultieren können.
 
Identität als das persönliche Bewusstsein davon, wer man ist, trat in den Schriften von Erik Erikson in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hervor, und wir können beginnen, von dort Material für unsere Reflexionen heranzuziehen.
 
Erikson wurde aufmerksam auf die Identitätskrise, die besonders – aber nicht ausschließlich – bei Jugendlichen in den vereinigten Staten (USA) weit verbreitet schien. Wenn Identität „ein subjektiver Sinn für die belebende Gleichheit und Kontinuität[1] ist, schien es, als ob viele der verwirrten Rebellen und destruktiven Verbrecher jener Tage tatsächlich damit rangen, in einem Klima rascher historischer Veränderungen eine Identität zu erreichen. Die Betonung von Gleichheit und Kontinuität ist bezeichnend, aber Erikson würde auch ein dynamisches Element betonen, nämlich einen Sinn für Ethik und Werte, die verwirklicht werden sollen, und einen Sinn für den zukünftigen Generationen gegenüber, die die bloße individuelle Identität übersteigt[2]. Dieses Bewusstsein einer persönlichen Identität ist tatsächlich etwas, das man erreichen muss – das nicht gegeben ist –, das nur nach dem Durchgang durch verschiedene „Krisen“ erreicht wird, und das – anfanghaft erreicht – mit weiteren Krisen konfrontiert werden muss, bevor ein persönlicher Lebensweg vollendet sein wird.
 
Lassen Sie uns einen kurzen Blick auf die Abfolge der Stufen werfen, wie Erikson sie vorgestellt hat. Unser vorwiegendes Interesse dabei ist das Hervortreten des Bewusstseins einer persönlichen Identität im Jugendalter, aber es wird auch hilfreich sein, die vorausgehenden und die folgenden Stadien zu betrachten.
 
Eriksons Stufen
Eriksons Entwurf des individuellen Lebenszyklus kann als grundsätzlich traditionell und nüchtern bezeichnet werden. Er ist z. B. nicht auf dem Index der Encyclopedia of Postmodernism[3] vermerkt! Er bietet einen „sicheren“ Platz dafür an, mit unseren Überlegungen darüber anzufangen, wie sich die persönlichen Identität normalerweise in unserer „westlichen“ Kultur entwickelt.
 
Die erste Stufe
Das erste Problem im Leben eines Kleinkindes, auf das Erikson hinweist, ist die Entwicklung von Urvertrauen. Dieses Grundvertrauen meint sowohl die anderen als auch sich selbst: ein Gefühl für die unzweifelhafte Vertrauenswürdig­keit von anderen – Ich kann ihnen trauen – und ein Gefühl für die eigenen Vertrauenswürdig­keit – man kann mir trauen. Wir wissen über das Misstrauen aus der Psychopathologie von Erwachsenen, die unfähig scheinen, sich oder anderen zu vertrauen; wir haben den Eindruck nicht fähig zu sein, diese Individuellen „zu erreichen“. Das Resultat der Spannung zwischen Vertrauen und Misstrauen hängt von der Qualität der mütterlichen Sorge ab, die das Kleinkind erhält. Eine erfolgreiche „Lösung“ der Spannung kann jedoch nicht in der ausschließlichen Betonung eines einzigen Pols gefunden werden. Es ist klar, dass die ausschließliche Option für das Misstrauen eine schreckliche und kaum menschenwürdige Zukunft für sich selbst bedeuten würde. Aber ausschließlich auf das Vertrauen zu setzen, würde bedeuten, dass man naiv gegenüber anderen und überheblich in Bezug auf sich selbst ist. Man sollte darüber nachdenken, dass man nicht jedermann immer trauen soll, und ich selbst könnte in bestimmten Umständen auch nicht so vertrauenswürdig sein. Der Prediger Kohelet könnte in Bezug auf diese Stufe gesagt haben: „Es gibt eine Zeit des Vertrauens und eine Zeit des Misstrauens.“
 
Zweite Stufe
Die frühe Kindheit ist durch das Auftreten des Willens gekennzeichnet, man selbst zu sein. Das Kind beginnt einen autonomen Willen zu spüren. Die Frage hier ist wie ein Gefühl für Selbstkontrolle erworben wird, ohne die Selbstachtung zu verlieren. Es geht darum, autonom zu werden, aber unabhängig zu sein, führt zu Zweifeln: Was passiert, wenn ich falsch liege? Die Spannung kann mit den Begriffen Autonomie gegenüber Scham und Zweifel ausgedrückt werden. Wiederum kann die erfolgreiche Lösung nicht darin gefunden werden, ausschließlich für einen der beiden Pole zu optieren. Es gibt eine übertriebene Autonomie, wir kennen alle jenen Typ von Menschen, der nie Rat sucht oder Hilfe akzeptiert; in der Arbeit und in Gruppen machen sie anderen das Leben schwer. Andererseits kann die Fähigkeit zu zweifeln auch lähmen; wir alle haben wohl schon an Menschen gelitten, die unfähig sind, sich zu entscheiden und Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie entschieden haben. Es gibt eine Zeit für die Autonomie und eine Zeit für den Zweifel, und es wird wichtig sein zu wissen, wann und in welcher Situation das eine und wann das andere angemessen ist.
 
Dritte Stufe
Auf der nächsten Stufe ist das Kind davon überzeugt, dass es eigenständig ist, und es muss herausfinden, welche Art von Person es werden kann. Dies ist der Anfang einer Zukunftsorien­tierung, und es beginnt die Suche nach Vorbildern, denen man nacheifert. Dies ist die Stufe der „Identifikation“ mit den Eltern. Das Kind kann sich freier bewegen und sprechen; und durch Bewegung und Sprache wächst die Vorstellung. Es gibt Spielraum für Initiative, für den Ausdruck eines Gespürs für Selbstbeherrschung. Aber wenn dieses zusammenbricht, folgt ein bedrückendes Schuldgefühl. Auch hier meint Fortschritt, die Spannung zwischen den Polen angemessen zu leben. Ohne Initiative ist eine Person dazu verurteilt, im Kreis der eigenen gegenwärtig entwickelten Kapazitäten eingeschlossen zu bleiben; ohne die Fähigkeit zu Schuldbewusstsein kann ein Mensch nicht aus Fehlern lernen und wird im Gruppenverhalten sehr schwierig sein.
 
Vierte Stufe
Ab dem Schulalter entsteht ein Gespür dafür, dass „Ich bin, was mir zu tun gelingt“[4]. Aufgaben werden ausgesucht, aber werde ich fähig sein, sie auszuführen? Die Spannung besteht zwischen Fleiß und Minderwertigke­itsgefühlen; seine erfolgreiche Lösung liegt im Aushalten der Spannung zwischen den beiden Polen, so dass das Minderwertigke­itsgefühl nicht den Fleiß blockiert, sondern einen kritischen Realitätssinn für das gewährleistet, was man tun will.
 
Fünfte Stufe
Dann kommt die Adoleszenz, das Zwischenstadium, in dem man die Kindheit hinter sich lässt, aber noch nicht erwachsen ist. Der Jugendliche erreicht diese Stufe mit dem, was er in der Vergangenheit erlebt hat – mit dem, wie er die Spannungen zwischen Vertrauen-Misstrauen, Autonomie-Scham und Zweifel, Initiative-Schuld, Fleiβ-Minderwertigke­itsgefühl, mehr oder weniger befriedigend gelöst hat; perfekte Lösung gibt es hier nicht. Er wird mit Erfahrungen von Verwundungen wie auch von Erfolgen an diesen Punkt kommen, mit unverrichteten Herausforderungen wie auch mit dem, was gelungen ist.
 
Von diesem Ausgangspunkt aus nimmt der Jugendliche sich selbst wahr und fragt sich, wie er in den Augen von anderen erscheint. Jugendliche können für ihre Selbstbeobachtung berüchtigt sein. Da sie Kontinuität und Gleichheit suchen, suchen sie in anderen nach Ideen, an die man glauben kann. Es kann zu einer Überidentifikation mit Helden oder Peer-Gruppen kommen; es kann zu Stammesdenken und klischeehafter Anpassung kommen. Die eigene Fähigkeit, loyal zu bleiben, wird einer Prüfung ausgesetzt. Diese Stufe wird in der komplexen Welt, in der wir leben mehr und mehr ausgedehnt, und die Unfähigkeit, eine Arbeitsidentität zu entwickeln kann besonders störend wirken. Entfremdung auf diese Stufe führt zu dem, was Erikson „Identitätsver­wirrung“ nennt. Er gibt auch zu bedenken, dass auf dieser Stufe die “Demokratie … den Jugendlichen ihre Ideale vorstellen muss, die von jungen Leuten aus vielen Milieus geteilt werden können, und die Autonomie als Unabhängigkeit und Initiative in der Form von konstruktiver Arbeit betont“[5]. Die Spannung ist jene zwischen „Identität und Identitätsver­wirrung“, und da Identität tatsächlich ein Endziel ist, wird sie nicht so rigide sein, dass sie weitere Anpassungen angesichts neuer Herausforderungen ausschließt.
 
Zwei Punkte sollen hier hervorgehoben werden.
 
Zunächst ist es erwähnenswert, dass der Jugendliche unweigerlich zu verschiedenen Gruppen gehört – z. B. zu einer Familie, zu einer Gruppe von Gleichaltrigen –, was die Schwierigkeit der vielfältigen Zugehörigkeit mit sich bringt. Die Erwartungen der eigenen Familie und diejenigen der Peers stimmen nicht immer überein, und es beginnt eine lange Suche nach einer kohärenten Synthese, die Kontinuität bietet und eine stabile Loyalität ermöglicht. Das Gespür für Solidarität mit anderen beginnt unscheinbar – innerhalb der eigenen Familie, mit den eigenen Freunden, so dass es zu dem Auftreten dessen kommen kann, was Erikson „pseudospecies“ (Pseudo-Gattung) nennt. In anderen Worten, man erkennt nicht, dass wir alle zu einer menschlichen Gattung gehören, so dass es zu einem Fehlen des Gespürs für Solidarität kommt, das in der allgemeinen Verkündigung der Menschenrechte vorausgesetzt wird. Es kann dazu kommen, dass jemand in der „Pseudo-Gattung“ verschlossen bleibt und davon überzeugt ist, dass seine/ihre Gruppe die einzige ist, die zählt. Auch kann dies später, wenn man mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist, sich mit einer größeren Gruppe zu identifizieren, zu der Versuchung führen, zu regredieren, sich zurückzuziehen und sich mit einer begrenzten Identität zufrieden zu geben, was dazu führt, dass man ein sehr begrenztes Gespür für Solidarität entwickelt. Die Qualität einer Identität in europäischen Kontext wird davon abhängig, wie gut es gelungen is, die Versuchung zu überwinden, in der Gruppe seiner ursprüglichen Loyalität zu verbleiben.
 
Zweitens, gemeinsam mit der übertriebenen Verallgemeinerung und Vereinfachung, die den Jugendlichen einige Zeit begleiten werden, kommt es zu dem Phänomen der negativen Identifikation. Damit ist gemeint, dass man die eigene Identität darin findet, was man nicht ist oder wogegen man ist. Wenn man in Situationen von religiöser Verfolgung Mitglied der Kirche ist, führt dies zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem Regime, und dies kann die eigene religiöse Identität stärken. Wenn die Verfolgungszeit endet und dieses Element der negativen Identifikation wegfällt, kann es dazu kommen, dass die eigene religiöse Identität geschwächt wird und die religiöse Praxis wegfällt. Wenn man sich dieser Identifikation stellt, ist sie die Einladung, die eigene religiöse Motivation zu läutern, aber es kann beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen, bis man diese Dynamik erkennt und die notwendige Kreativität entwickelt, um diesen Trend umzukehren.
 
Das Phänomen der negativen Identifikation kommt auch unter Sportfans vor. Nehmen Sie z. B. den Fußball in Schottland: wenn ich ein Celtic Fan bin, will ich, das Celtic gewinnt, aber wenn sie am Samstag verlieren, kann ich dennoch Trost finden, wenn „die anderen“, Rangers, auch verlieren. In England gibt es die Abkürzung ABMU „Anything but Manchester United“, und ich meinte, dass in Deutschland Bayern München in Unterschied zu achtzehnsechzig München (1860) dazu herangezogen werden könnte. Wenn man dies mit Humor anwendet, kann es ein Weg zur Bewältigung sein. Für das Jugendalter ist dies ziemlich normal, aber es kann weiterdauern und auch von Erwachsenen verwendet werden, und dann ist es nicht mehr lustig oder eine Frage einer Bewältigungsstra­tegie, sondern vielmehr ein Vorwand für destruktiven Hass: auf den anderen Stamm, auf andere ethnische Gruppe, auf andere Länder und Kontinente – und dies mit tragischen Konsequenzen. Dies geschieht dann, wenn unsere Identitäten „von der Abwertung anderer“ leben, um einen Ausdruck von Erikson aufzunehmen[6] – eine nüchterne Erinnerung an die Entstellungen, zu den Menschen so schnell fähig sind.
 
Übergang
Die Adoleszenz ist für Erikson die Wasserscheide, die das Leben eines Menschen in die Zeit vorher und nachher teilt. Was nachher kommt nennt er sogar „jenseits der Identität“[7]. Aber während die folgenden Stufe „jenseits“ sind, da sie nach dem anfanghaften Stabilisieren der Identität in der Adoleszenz kommen, glaube ich, dass sie ebenfalls als eine Prüfung dieser Identität aufgefasst werden können. Es muss sich erst noch weisen, ob die sich entwickelnde Identität sich auch wirklich stabilisiert; wenn neue Herausforderungen angenommen werden, können sie zu weiterer Konsolidierung und Entwicklung der persönlichen Identität führen.
 
Außerdem ist es bemerkenswert, dass ungenügend gelöste Fragen, unverrichtete Herausforderungen zu Fixierungen führen können, zu denen man später unter Druck zurückkehrt. So können Schwierigkeiten, mit anderen in vertrauensvollen Beziehungen zu bleiben, oder die Tendenz zu Dickköpfigkeit oder eine Geschäftigkeit, die zu einer „Flucht in Arbeit“ wird, zu später zu regressiven und gestörten Reaktionen eines Erwachsenen auf Angst werden.
 
Sechste Stufe
Der erste Schritt „jenseits der Identität“ – d.h. nach der Stufe der Adoleszenz, bringt die Spannung zwischen Intimität und Isolation mit sich, wobei Isolation die Unfähigkeit meint, die Gelegenheit zu nutzen, die eigene Identität zu erweitern, indem man wahre Intimität teilt. Wo es hingegen statt zu Intimität zu Abstandhalten kommt, werden Außenstehende mit einer fanatischen „Überbewertung von kleinen Unterschieden“[8] zwischen dem Bekannten und dem Fremden betrachtet. Die Wahl besteht hier zwischen einer progressiven Öffnung auf den anderen hin und einem Sich-Abschließen gegenüber dem, was auf irgendeine Art als anders erlebt wird. Erikson spricht hier vom ethischen Gespür des Erwachsenen, das die ideologische Überzeugung der Adoleszenz und den Moralismus der Kindheit ablöst, und um was es zu gehen scheint, ist eine wachsende Vernünftigkeit und ein Sinn für die Universalität, wie man zu Urteilen kommt und wie Positionen angenommen werden. In diesem Kontext wird man an die Worte Benedikts XVI in seiner Ansprache vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erinnert (18. April 2008): Er erinnert seine Hörer daran, dass die Menschenrechte und die ihnen entsprechenden Verpflichtungen nicht das ausschließliche Resultat von legislativen Anordnungen sind, sondern – „daß sie das Ergebnis eines gemeinsamen Gerechtigkeitssinns sind, der sich vor allem auf die Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft gründet und daher für alle Völker und Zeiten gültig ist. Diese intuitive Erkenntnis wurde schon im fünften Jahrhundert von Augustinus von Hippo … formuliert. Er lehrte, daß der Satz »Tue nichts, was du nicht möchtest, daß man dir tun soll« »in keiner Weise aufgrund in der Welt vorhandener unterschiedlicher Verständnisse variieren kann« (De doctrina christiana, III, 14)“.
 
Siebte Stufe
Die nächste Stufe ist durch das Bemühen gekennzeichnet, die nächste Generation mit der angemessenen Sorgfalt zu begrunden und zu führen, und die Spannung ist jene zwischen Generativität und Stagnation. Der gewachsene Sinn für Verantwortung ist hier offensichtlich, genauso wie die Fähigkeit, in seiner Anteilnahme über sich selbst hinauszugehen. Generativität beschränkt sich nicht auf die eigenen Kinder, sondern schließt die zukünftigen Generationen mit ein. Sie meint das Anliegen, eine Kultur weiterzugeben, die Werte zu vermitteln, die man für wichtig hält, die Sorge für den Planeten zu haben, den wir nur für eine begrenzte Zeit bewohnen und den wir denen weitergeben müssen, die nach uns kommen. Auch hier scheint das, was Erikson vorschlägt, ohne Weiteres mit der Lehre der Kirche vereinbar zu sein. Es ist offensichtlich, dass es hier zu einer wachsenden Betonung der eigenen Pflichten anderen gegenüber kommt und dass die eigenen Rechte weniger wichtig werden.
 
Achte Stufe
Das Wort, mit dem Erikson die letzte Stufe des Lebenszyklus bezeichnet, heißt Integrität. Es ist charakteristisch für jene alternden Menschen, die erfolgreich die verschiedenen Stufen bestanden haben und die die Erfolge und Misserfolge des Lebens gut bewältigt haben. Diese Integrität schließt mit ein, dass man mit Gelassenheit den eigenen Lebenszyklus als die eine und einzige Chance akzeptiert, die man besaß, um eine Lebensgeschichte zu entwickeln, mit ihren Grenzen, Erfolgen und Misserfolgen. Sie meint Versöhnung mit Menschen, die im eigenen Leben wichtig sind – von den Eltern und der Familie mit ihren guten und schlechten Seiten bis hin zu allen, die immer noch eine wichtige Rolle im eigenen Leben gespielt haben. Diese Integrität ist charakteristisch für jemand, der bereit ist, das Nunc dimittis mit Dankbarkeit und Gelassenheit zu singen. Die Spannung besteht zu Ekel und Verzweiflung. Für diejenigen, die in Gott glauben, wird hier die Frage nach der Hoffnung und dem Kontext, den diese anbietet besonders relevant. Obwohl der Kontext, in dem Erikson schreibt, nicht theologisch ist, scheint es möglich, den Lebenszyklus, den er beschreibt, innerhalb eines Glaubenshorizonts aufzunehmen. Tatsächlich ist es für einen glaubenden Menschen schwer vorstellbar, wie man eine gelassene Integrität ohne Glauben an einen liebenden Gott erwerben kann, von dem man kommt und zu dem man zurückkehrt.
 
Zusammenfassend lässt sich sagen: die Entstehung einen festen personalen Identität hängt davon ab wie gut der einzelne – oder Gurppen – mit den Themen von Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiβ fertig geworden sind; und wie solid die persönliche Identität ist wird deutlich, wenn die Person – oder Gruppen von Personen – mit dem Themen der Intimität, Generativität und Integrität zu Rande kommen.
 
 
Zwei kurze Gedankenspiele
 
1. Welches Identitätsver­ständnis hat wohl die Gründungsväter des gemeinsamen Europa geprägt?
 
In ihrem Hirtenwort zum Referendum über den Vertrag von Lissabon haben die irischen Bischöfe darauf hingewiesen, dass die Vision von einem „Europa, das in Eintracht lebt“ vom christlichen Glauben vieler wichtiger Figuren in der Gründungsphase der Europäischen Wirtschaftsunion bestimmt war. Besonders werden Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman hervorgehoben. Die Bischöfe stellen fest, dass das neue Europa auf dem Respekt für die Menschenwürde und dem Interesse für das gemeinsame Wohl beruhen sollte. Obwohl sie eine „Wirtschafts-Union“ war, sollte sie mehr auf das Ideal der Solidarität gegründet sein als auf „das Verlangen, wirtschaftliches Wachstum als Selbstziel anzustreben“ (#2). Nach zwei Weltkriegen, die zu mehr als sechzig (60) Millionen Toten und einem immensen ökonomischen Niedergang geführt hatten, war es tatsächlich mutig von der Gründungsväter des europäischen Projektes zu glauben, dass die Wunden des Krieges geheilt werden könnten und dass der Friede durch politische, ökonomische und soziale Zusammenarbeit gefördert werden könnte. Das halbe Jahrhundert, das folgte, war relativ friedlich und führte zu einem hohen Grad an Stabilität und Wohlstand, was zu beweisen scheint, dass die ursprüngliche Vision keine Illusion war.
 
Wir mögen nun fragen, was das Identitätsver­ständnis dieser Gründungsväter gewesen sein könnte, das ihnen ermöglichte, dieses Projekt zu entwerfen und in Gang zu bringen. Wir können hier nur spekulieren; wir werden nicht die Schriften von Adenauer, De Gasperis und Schuman überprüfen; aber es wird keine „müßige“ Spekulation sein, da wir sie innerhalb des Rahmens anstellen, den Erikson bereitstellt.
 
Erste Stufe: eine Frage des Grundvertrauens
Es ist wirklich erstaunlich, dass solch eine Projekt aus der Asche eines scheußlichen und ausgedehnten Krieges erwachsen konnte. Es ist wirklich bemerkenswert, dass diese Männer sich die Fähigkeit zum Vertrauen so sehr bewahrt hatten, dass sie in einen konstruktiven Dialog eintreten konnten. Wir können in unsere Überlegungen miteinschließen, dass ohne Vergebung dieser Dialog nicht möglich gewesen wäre; in gewissem Sinn waren sie fähig, das lex talionis zu überwinden, das sich bei solchen Gelegenheiten allzu leicht selbst aufzwingt, und das viel zu oft die Konflikte in unserer Welt nur verlängert. Sicherlich ist es vertretbar zu meinen, dass der christliche Glaube der drei Gründungspersönlichke­iten entscheidend dafür war, dass sie ihr Vertrauen in die Menschheit bewahrten oder wieder erlangten – trotz der unglückseligen Tragödie des Krieges. Mehr noch: ihr Vertrauen blieb realistisch, es war keine naive Illusion.
 
Zweite Stufe: Autonomie und das Überwinden des Zweifels
Wieder kann man sich leicht die Schwierigkeit vorstellen, ein Bewusstsein für die eigenen Autonomie zu bewahren, nachdem es jahrelang Hilflosigkeit und die Unmöglichkeit, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, das tägliche Brot gewesen waren. Wenn wir an zerbombten Städte, an die Vertriebene und an die Kriegsgefangene denken, dann kommt einem Autonomie nicht als erstes Wort in den Sinn. Es wäre so einfach gewesen, in Zweifel und Passivität zu versinken. Aber diese Gründer waren offenbar in der Lage, die Spannung zwischen Autonomie und Zweifel auszuhalten und vorwärts zu gehen.
 
Unsere Überlegungen kommen auch in Bezug auf die nächsten beiden Stufen zu ähnlichen Ergebnissen: Schuld, die die Initiative nicht unterbindet (dritte Stufe) und Unterlegenheit, die nicht Emsigkeit behindert (vierte Stufe).
 
Aber erst mit der fünften Stufe behandeln wir Identität im eigentlichen Sinn. Um das vollbringen zu können, was sie taten, brauchten diese Gründer einen bemerkenswerten Sinn für Identität, robust und flexibel zugleich. Ihr Zugehörigkeit­sgefühl war nicht auf einige „Pseudogattungen“ beschränkt; sie waren in der Lage, Bürger eines Landes zu sein – der Bundesrepublik Deutschland oder Frankreichs oder Italiens –, und dies mit dem Zugehörigkeit­sgefühl zu etwas Größerem, nämlich Europa, zu verbinden. Dies muss auch bedeutet haben, dass sie über eine negative Identität in einem beschränkenden Sinn hinausgehen konnten, damit es möglich würde, Deutscher zu sein, ohne gegen Franzosen oder Italiener zu sein, und umgekehrt. Das Bedürfnis, „von der Abwertung anderer zu leben“, war überwunden.
 
Auf der sechsten Stufe wurde wiederum die „Überbewertung von kleinen Unterschieden“ überwunden. Das Ideal eines vereinten Europas ist keines einer Gleichschaltung; die nationalen Unterschieden können bestehen bleiben, aber sie sollen nicht zum Hindernis dafür werden, miteinander zu teilen oder sich nahe zu kommen. Das ethische Gespür, von dem Erikson als typisch für diese Stufe spricht, ist offensichtlich im Respekt für die Menschenwürde und die Förderung des Gemeinwohles, das für die Gründer die Grundlage für die wirtschaftliche Gemeinschaft bietet.
 
Mit Blick auf Generativität und der Fürsorge für künftige Generationen, dem Fokus der siebten Stufe, braucht es kaum einen Kommentar. Und in Bezug auf die achte Stufe brauchen wir uns nur das Bild des reifen Konrad Adenauer als Symbol für ein Altern in Würde vor Augen zu halten. Dies ist zwar impressionistisch, aber es mag zum Ende dieses ersten Gedankenspiels genügen.
 
Das zweite Gedankenspiel handelt von der Identität im Licht des jüngst erfolgten irischen Referendums.
 
2. Welche Herausforderungen ergeben sich für das Identitätsbewus­stsein aus dem irischen Referendum?
 
Wie Sie wissen, fand am 12. Juni 2008 in Irland ein Referendum über den Vertrag von Lissabon statt. Die Einzelheiten des Vertrages sind in diesem Zusammenhang nicht erheblich; das Referendum – das zu dem Zeitpunkt stattfand, als ich diesen Vortrag verfasste – kann unser Fragen bezüglich der europäischen Identität ein wenig konkretisieren.
 
Das bloße Fakten sind, dass 53,4 % derjenigen, die am Referendum teilnahmen, gegen die Ratifizierung des Vertrages gestimmt haben und 46,6% für die Ratifzierung. Wir werden nie wissen, was die Wähler dazu bewogen, so abzustimmen, wie sie es getan haben. Im Anschluss an das Referendum schien es von den Journalisten angenommen zu werden, dass eine Zustimmung keiner weiteren Begründung bedurfte – die Gründe für die Zustimmung erschienen als stichhaltig und vertretbar – der Vertrag war insgesamt „eine gute Sache“. Das ist freilich ein Urteil, über das diskutiert werden kann, das uns hier aber nicht zu beschäftigen braucht.
 
In den Zeitungen beschäftigte man sich mit den Gründen für die Ablehnung, und die Gründe, die dafür ins Feld geführt wurden, war viele und vielfältig. Zunächst ist der Vertragstext selbst sehr kompliziert, und es ist wenig wahrscheinlich, dass viele Wähler ihn selber gelesen hatten. Wegen seiner Komplexität waren die konkreten Implikationen des Dokumentes für die Wähler nicht in allem klar[9]. Außerdem scheint es, als ob diejenigen, die die Öffentlichkeit informieren sollten, nicht ausreichend kompetent erschienen. Das Ergebnis war, dass ein Gutteil der Wähler unsicher geblieben zu sein scheint. Manches an dieser Unsicherheit betraf Grundwerte und Grundrechte. Um nur einige Beispiele zu nenne: Führt der Vertrag von Lissabon dazu, Abtreibung, Euthanasie, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaf­ten anerkennen zu müssen? Würde er die irische Neutralität beenden und den Zwang mit sich bringen, in eine europäische Armee einzutreten? Während bezüglich dieser Punkte von offizieller Seite beruhigt wurde, gab es auch andere Stellungnahmen, die die Zweifel beschworen, die mit den Ängsten der Leute spielten und die die Atmosphäre der Unsicherheit ausnutzten. In diesem Klima bedeutete die Ablehnung nicht unbedingt, gegen Europa zu sein, aber die Atmosphäre ermutigte die Regression zu ungenügend gelösten Konflikten, die eine ganze Reihe von Unsicherheiten im Zusammenhang mit der europäischen Identität in der irischen Wählerschaft aufzeigte.
 
Eine diese Unsicherheiten hat mit dem Misstrauen zu tun. In Irland gibt es heutzutage ein Problem mit dem Misstrauen in Institutionen: es gibt Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, wobei finanzielle Unregelmäßigkeiten von Seiten einiger Politiker erschwerend hinzukamen; es gibt Misstrauen gegenüber der Bürokratie, die so weit von der Wirklichkeit der Bürger entfernt sein kann; und es gibt Misstrauen gegenüber der Kirche, wobei die Skandale, in die Priester und Ordensleute verwickelt waren und die in der Presse so breit getreten wurden, den Respekt schwinden haben lassen, den die Kirche einst genoss. Die Unsicherheit, die mit dem Vertrag von Lissabon verbunden ist, hat diese Art von Misstrauen hervortreten lassen, so dass es schwieriger wurde, mit Ja zu stimmen – und dies, obwohl die großen politischen Parteien, die Gewerkschaften, die Bauergenossen­schaften und die Arbeitgeberverbände sich für ein Ja eingesetzt hatten.
 
Eine andere Quelle der Unsicherheit hat mit der Autonomie zu tun. Irland hat die politische Unabhängigkeit erst nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft erreicht, und die irische Neutralität wird eifersüchtig gehütet. Während des Zweiten Weltkrieges blieb Irland offiziell neutral und auch heute gehört es nicht zur NATO. Was im Vertrag von Lissabon dorthin tendiert, eine gemeinsame Außenpolitik zu stärken, konnte leicht so angesehen werden, dass es die hart erkämpfte Autonomie gefährdet. Wenn man nicht begreift, wie wichtig es ist, dass die EU auf der internationalen Bühne stärker agieren kann; wenn man nicht begreift, dass viele der heutigen Probleme nicht von einzelnen Staaten für sich allein gelöst werden können (hier kann man z. B. an wirtschaftliche Fragen denken, an die Klimaerwärmung, die Probleme von Hunger, Terrorismus und Menschenhandel) – wenn man diese Aspekte der Globalisierung nicht begreift, dann können die Wähler leicht zurück weichen und die Bedeutung der nationalen Autonomie überbetonen.
 
Der Slogan, der von den Vertragsgegnern benutzt wurde – dass Irland „ein besseres Geschäft“ machen könnte, wenn es sich gegen die Unterzeichnung des Vertrages sperren würde –, weist auf ein partielles Zugehörigkeit­sgefühl hin – und darauf, dass man fast ausschließlich mit den eigenen unmittelbaren Interessen und Vorteilen beschäftigt ist, anstatt diese im größeren Kontext der 27 Mitgliedsländer zu sehen, wo ein Geben und Nehmen für das Gemeinwohl erforderlich ist. Es ist pure Spekulation, wenn man fragt, wie viele Leute von diesen Überlegungen beeinflusst waren, aber zweifellos waren es einige.
 
Hier gibt es auch Anzeichen für einen gewissen kurzsichtigen Pragmatismus auf der Seite von einigen im Gegensatz zu einem langfristig angelegten Idealismus. Nicht, dass es keinen Idealismus gäbe, aber die Sicht ist einseitig und unklar. In der Vergangenheit war Ire sein fast gleichbedeutend mit Katholik sein, und religiöse und politische Verfolgung war kaum zu trennen. Durch die politische Unabhängigkeit und besonders durch den Beginn des wirtschaftlichen Wohlstands hat sich die Rolle der Kirche allmählich verändert. Man gehört nicht mehr automatisch zur Kirche. Nun steht jeder vor der Herausforderung wieder zu entdecken, warum man Katholik ist und dann zu wählen. Man muss auch wieder entdecken, welches Menschenbild hinter den konkreten Vorhaben für das Gemeinwohl liegen, für das sich tatsächlich freiwillig engagieren. Das von der Kirche schon vorbereitete Modell ist nun weniger bedeutungsvoll als früher. Die Werte, die dieses Modell enthält, müssen wieder neu ins Bewuβtsein gerufen werden. Und, nach meiner Meinung, das Wiederentdecken dieser Werte hängt mehr an Zeugnissen, als an Worten. In einem Sterbehospiz, zum Beispiel, wird mehr gegen Euthanasie getan als es die gewandtesten Worte über die Unantastbarkeit des Lebens tun können. Die Gemeinschaften der „Arche“ von Behinderten und Nicht-Behinderten zeigt mehr als jeder Vortrag die fundamentale Gleichheit aller Menschen vor Gott.
 
Was vielleicht aus diesen Reflexionen hervorgehen kann ist die Erkenntnis, dass ein Teil der irischen Wählerschaft in einer adoleszenten europäischen Identität steckt; in einer Identität, die verletzbar bleibt und erprobt werden muss. Es bestand weiterhin Bedarf, besonders in den späten Stufen von Erikson zu wachsen: die Spannung zwischen Intimität und Isolation zu bewältigen und einen erwachsenen Sinn für Ethik zu entwickeln; und in der Generativität zu wachsen, in der man bereit ist, eher Pflichten als Rechte in Erwägung zu ziehen. Integrität bleibt für uns alle ein Ziel. Lassen Sie uns hoffen, dass wir darauf zu wachsen.
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Dĕkuji za pózornost.                                                                                                  Tim Healy SJ
 
 
 
Benedikt XVI Ansprache vor der UN-Vollversammlung im Glaspalast New York
Freitag, 18. April 2008.
 
Erikson, Erik H. Identity Youth and Crisis, New York: Norton, 1968.
 
Irische Bischöfe Fostering a Community of Values – Pastoral Reflection from the Catholic Bishops of Ireland on the occasion of the referendum on the Treaty of Lisbon, (Hirtenwort zum Referendum über den Vertrag von Lissabon), 29. Mai 2008.
 
Taylor V.E.– Winquist C.E. Encyclopedia of Postmodernism, London & New York: Routledge, 2001.


[1] Erik H. Erikson Identity Youth and Crisis, New York: Norton, 1968, 19 – eigene Übersetzung. 
[3] Taylor V.E. –Winquist C.E. Encyclopedia of Postmodernism, , London & New York: Routledge, 2001. 
[4] Erikson Identity…, 127. 
[5] Erikson Identity…, 133. 
[6] Erikson Identity…, 299. 
[7] Erikson Identity…, 135. 
[8] Vgl. Erikson Identity…, 136.
[9] Es scheint zweifelhaft, ob es weise war, angesichts eines so komplexen Dokumentes die schlichte Alternative ja-nein aufzustellen. Aber das braucht hier nicht entschieden zu werden. 


Každá rána, kterou jsme utržili, vyrazí z nás nějaký klín, který nám překážel.

Tomáš Baťa